27. Januar 2022: Lesbische Erinnerungskultur: Stolperstein in Köln verlegt

27. Januar 2022: Lesbische Erinnerungskultur: Stolperstein in Köln verlegt

Wirtschaftsweiber ehren Dr. Hertha Kraus

Köln, 27.01.2022.

Am 27. Januar ist in der Bundesrepublik der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der Tag erinnert an die Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Im deutschen Gedenken sind jedoch queere NS-Opfer häufig wenig präsent, noch weniger lesbische Frauen. Die Auseinandersetzungen um die Gedenkkugel für lesbische Opfer verdeutlicht dies. Erst im letzten Jahr hat die Gedenkstätte Ravensbrück und der Vorstand der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten endlich dem Antrag auf eine Gedenkkugel für die verfolgten Lesben im dritten Reich zugestimmt. Um diese wichtige Erinnerungsarbeit auch lokal fortzusetzen und um lesbische NS-Opfer im Kölner Stadtbild sichtbar zu machen haben die Wirtschaftsweiber e.V. einen Stolperstein gestiftet, welcher zu Ehren von Dr. Hertha Kraus in Köln verlegt wurde. Die Verlegung fand im September 2021 durch den Künstler Gunter Demnig statt. Unterstützt wurde die Verlegung vom NS-Dokumentationszentrum Köln, sowie von dem Kölner Frauengeschichtsverein e.V.

Alexandra Sackmann von der Regionalgruppe der Wirtschaftsweiber in Köln, zur Bedeutung der Verlegung des Stolpersteins: „Lesbische Frauen werden in der Geschichte oft unsichtbar gemacht. Unser Ziel war es diese Unsichtbarkeit zu benennen und hier aktiv zu werden. Gleichzeitig war es uns wichtig, dass die Gräueltaten der Nationalsozialisten, auch an Homosexuellen und insbesondere an lesbischen Frauen, nicht in Vergessenheit geraten. Mit der Wahl von Dr. Hertha Kraus bekommt eine Lesbe als historische Figur im Kölner Stadtbild Sichtbarkeit.“

Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Hertha Kraus war in der Weimarer Republik und der deutschen Nachkriegszeit eine Pionierin im Themenfeld der Sozialen Arbeit. Kraus wurde 1897 geboren und wurde nach ihrem Studium der Sozialwissenschaften und ihrer darauffolgenden Promotion, von dem damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, zur Stadtdirektorin berufen. 1923, mit gerade einmal 25 Jahren wurde die überzeugte Sozialdemokratin Stadtdirektorin und Leiterin des Wohlfahrtsamtes in der Rheinmetropole.

Sowohl in ihrer Funktion als auch privat, gründete Kraus mehrere Programme im Rahmen der Wohlfahrtspflege, engagierte sich für ein Quäkerhilfswerk für erwerbslose junge Mädchen, war Mitglied im Allgemeinen Deutschen Frauenverein und im Vorstand des Stadtverband Kölner Frauenvereine. 1933 nahm ihre berufliche Karriere wegen ihrer jüdischen Herkunft und ihrer SPD-Mitgliedschaft jedoch ein abruptes Ende. Um einer drohenden Verhaftung zu entgehen, flüchtete Dr. Hertha Kraus und emigrierte schließlich im Sommer 1933 in die USA, wo sie als Dozentin an namenhaften Universitäten lehren und forschen konnte. Nach Kriegsende kam sie auf Bitten von Adenauer, mit einer Delegation der „American Friends Service Committee“, für mehrere Male nach Deutschland.

Neben der Gründung von verschiedenen Nachbarschaftsheimen, dem Halten von Fort- und Ausbildungskursen über die amerikanische Methode „Social Case Work“ setzte sie sich auch für die Reorganisation der Arbeiterwohlfahrt ein. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1968 arbeitet sie international und unermüdlich an der Integrierung von demokratischen und humanitären Werten in der Sozialen Arbeit.

In Köln-Riehl erinnert eine Straße an Kraus und sie ist als eine von 18 Frauenfiguren am Kölner Rathausturm verewigt.

Der Stolperstein ist am Aschenbrödelweg 1, Ecke Märchenstraße in Köln, verlegt worden. Der Stein trägt die folgende Aufschrift: „Märchenstr. 54 wohnte Dr. Hertha Kraus, Jg. 1897, Berufsverbot 1933, Flucht 1993, USA“.

 

Über die Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Steine werden an genau den Orten verlegt, an denen die Menschen vor ihrer Flucht oder Verhaftung lebten. In Deutschland wurden schon rund 61.000 Stolpersteine verlegt. Die Stolpersteine sind 10 cm große Betonquader, in denen eine Messingplatte verankert wird, welche den Namen und die Daten von Menschen trägt, an die erinnert werden soll.